Bidirektionales Laden: Warum 2027 zum Wendepunkt werden könnte
Vom Pilotprojekt zum Massenmarkt
Bidirektionales Laden unterscheidet sich in „Vehicle-to-Home“ (V2H), die Zwischenspeicherung von z.B. PV-Strom zuhause, und „Vehicle-to-Grid“ (V2G), die Rückspeisung ins öffentliche Stromnetz. Bislang war beides vor allem Forschungsthema. Das ändert sich gerade sichtbar: BMW bringt mit der „Neuen Klasse“ eine DC-Wallbox für rund 2.200 Euro, Mercedes-Benz stellt mit dem neuen GLC ein eigenes BiDi-Ökosystem vor, und Volkswagen-Tochter Elli hat auf der IAA 2025 ein eigenes Pilotprojekt mit einer DC-Wallbox von Cubos angekündigt.
Momentan alles noch Insellösungen. Aber, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt, zeigt eine Marktanalyse von Compleo: Sie identifiziert 11 relevante Automobilhersteller mit rund 90 % Marktanteil in den untersuchten europäischen Ländern. Von allen ab 2027 angekündigten Fahrzeugplattform-Starts sollen bereits 80 % BiDi-ready ausgelegt sein. Genau das nährt die These, dass 2027 tatsächlich zum Kipppunkt für die Technik werden könnte und vielleicht sogar herstelleroffene Lösungen möglich werden.
Endlich den eigenen Wagen als Stromspeicher nutzen
Für Privatkunden ist bidirektionales Laden mehr als eine technische Fußnote: Wer sein Elektroauto künftig bidirektional laden kann, kann tagsüber überschüssigen Solarstrom im Fahrzeug zwischenspeichern und abends selbst verbrauchen, von günstigen Ladezeiten und teuren Entladezeiten bei variablen Stromtarifen profitieren oder bei einem Stromausfall das Haus kurzfristig vielleicht sogar autark versorgen. Laut Berechnungen aus der Compleo-Marktanalyse liegt das jährliche Erlöspotenzial aus PV-Eigenverbrauch und solchen Arbitrage-Geschäften bei rund 600 bis 1.500 Euro pro Jahr und Fahrzeug. Allein durch den verbesserten PV-Eigenverbrauch wird mit rund 310 Euro pro Jahr kalkuliert, was in einer Beispielrechnung einer Familie einer Stromkostenersparnis von etwa 22 % entspricht. Aus einem reinen Kostenfaktor beim Autokauf wird damit ein Baustein der eigenen Energieversorgung.
Was macht bidirektionales Laden technisch so anspruchsvoll?
Ein Grund, warum sich der Markt erst jetzt bewegt, liegt in der Komplexität der Regulierung: Bidirektionales Laden erfordert das Zusammenspiel von sechs Normen auf drei Ebenen, die laut Compleo-Analyse 2026/2027 ihren entscheidenden Kipppunkt erreichen. Auf Ebene des Netzanschlusses regeln die EU-Verordnung RfG 2.0, die harmonisierte europäische Norm EN 50549-1 und die deutsche Anwendungsregel VDE-AR-N 4105, wie eine Ladeeinrichtung als Erzeugungsanlage zu behandeln ist. Auf Ebene der elektrischen Sicherheit teilen IEC 61851-1 und die BiDi-Erweiterung ISO 5474-2 die Schutzfunktionen zwischen Fahrzeug und Wallbox auf. Und ISO 15118-20 regelt die Kommunikation, über die Netzsignale und Energiegrenzen in Echtzeit ausgehandelt werden müssen.
Keine dieser Normen funktioniert für sich allein: Netzkonformität setzt eine korrekte Kommunikation voraus, und die wiederum eine exakt abgestimmte elektrische Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Wallbox. Genau dieses Zusammenspiel zwischen Fahrzeughersteller, Wallbox-Hersteller und Netzbetreiber macht bidirektionales Laden technisch so anspruchsvoll. Es erklärt außerdem, warum sich manche heute als „BiDi-ready“ vermarktete Geräte in der Praxis noch nicht ohne Weiteres nachrüsten oder freischalten lassen.
AC oder DC: Was setzt sich langfristig durch?
Am Markt existieren aktuell beide Technologien parallel – mit einer klaren Verschiebung über die Zeit. Bei einer AC-Wallbox übernimmt der im Fahrzeug eingebaute Onboard-Charger (OBC) die Umwandlung von Gleich- zu Wechselstrom, meist mit bis zu 11 kW. Bei einer DC-Wallbox sitzt diese Umwandlung in der Wallbox selbst, die Wallbox ist entsprechend teurer.
Kurzfristig setzen BMW, Mercedes und VW aber auf DC: Laut Compleo-Analyse sind die Sicherheitsnormen für bidirektionales AC-Laden noch in der Finalisierung, sodass 2027 noch rund 81 % der angekündigten Hardware auf DC-Lösungen entfallen sollen. Das dürfte sich aber wieder drehen, sobald die AC-Normen stehen: Ab 2030 soll AC bei Neuinstallationen wieder aufholen (rund 55 %), 2035 dominieren (rund 75 %) und 2040 mit rund 85 % zur Standardlösung werden – begünstigt durch den Kostenvorteil von AC-Wallboxen (laut Compleo-Analyse unter 1.500 Euro gegenüber rund 3.000 Euro bei DC).
Sie überlegen, in eine bidirektionale Ladelösung zu investieren?
Auch wenn es heute noch kaum bidirektionale Ladestationen zu kaufen gibt: Unsere Experten beraten Sie schon heute, worauf es ankommt, um für die Zukunft des bidirektionalen Ladens gerüstet zu sein.
Fazit: Der Markt ordnet sich neu
Die Compleo-Marktanalyse zeichnet ein klares Bild: 2027 könnte tatsächlich zum Wendepunkt werden, an dem bidirektionales Laden vom Nischenthema mit Insellösungen zum standardisierten Massenmarkt wird – getragen von OEM-Plattformstrategien und einem Regulierungsrahmen, der sich 2026/2027 schließt. Für Privatkunden bedeutet das vor allem eins: Das eigene Fahrzeug wird in naher Zukunft zum nutzbaren Stromspeicher. Ob sich am Ende AC oder DC durchsetzt, ist noch offen. Kurzfristig dürfte DC die Nase vorn haben, langfristig spricht laut der Analyse vieles für AC.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst zentrale Inhalte einer Marktanalyse von Compleo sowie aktuelle regulatorische Entwicklungen zusammen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder rechtliche Verbindlichkeit. Die genannten Marktprognosen (z. B. zu AC/DC-Anteilen oder Zeitpunkten der Normierung) sind Einschätzungen Dritter und keine Garantie für die tatsächliche Marktentwicklung.
Sebastian Metzler Team Lead - Product & Supply Chain
